Donnerstag, 17. März 2011

Ich will nicht recht behalten!

Da ich aus privaten Gründen einige Tage am Bloggen verhindert war, möchte ich jetzt wenigstens so viel schreiben: Ich will nicht, dass die deutsche Regierung durch eine Katastrophe in Japan gezwungen wird, einsichtig zu werden. Lieber soll sie weitermachen wie bisher, als dass das passiert, was jetzt schon fast unvermeidlich erscheint, dass viele Millionen von einer atomaren Katastrophe so schwer betroffen werden, dass eine umweltpolitische Zeitenwende eintritt. (vgl. Spiegel-online-Artikelserie zu Fukushima)
Kurz gesagt: Ich habe den internationalen Terrorismus von Anfang an für weniger gefährlich gehalten als die Kernenergie. Aber - zugegebenermaßen - ich habe irgendwie die Wahrscheinlichkeit einer ganz großen Katastrophe für so gering gehalten, dass ich die unmittelbare Bedrohung für mich persönlich in beiden Fällen als relativ gering eingeschätzt habe.

Ich hoffe sehr, dass in der Geschichte Gaddafi als schuldiger erscheinen wird als die hartnäckigen Befürworter der Kernenergie. Ich hoffe es inständig.

Über die atomare Abschreckung habe ich 1989 im Rahmen einer Artikelserie geschrieben:
Wir sehen, das System der atomaren Abschreckung schafft eine Verantwortung, die kein Mensch übernehmen kann. Mehr noch: Jeder Mensch, der für dieses System mitverantwortlich ist, trägt eine Verantwortung, die ungeheuerlicher ist als selbst die, die Hitler frevlerischerweise zu übernehmen versprach.

Vor der Ungeheuerlichkeit eines atomaren Weltkrieges ist die Welt bis heute verschont geblieben.
Noch ist aber nicht sicher, dass nicht in tausend Jahren einmal festgestellt werden wird:
Wir haben erlebt, dass das System der Energiegewinnung mit Kernkraft eine Verantwortung geschaffen hat, die kein Mensch übernehmen kann. Mehr noch: Jeder Mensch, der für dieses System mitverantwortlich war, trägt eine Verantwortung, die ungeheuerlicher ist als selbst die, die Hitler frevlerischerweise zu übernehmen versprach.
Wir haben uns auf die Kernkraft eingelassen, und ich sehe keine Möglichkeit, mich aus dieser Verantwortung der Menschheit mit einer "Gnade der späten Geburt" herauszureden.
So bleibt mir nur ein Wort von Matthias Claudius für mich umzuformen. Er schrieb:

's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Es wäre wie der Ruf des Zauberlehrlings, wenn ich jetzt Gott anriefe "Herr, die Not ist groß! Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los."
Natürlich will ich nicht schuldig sein. Aber eine Mitverantwortung für die Folgen der "friedlichen Nutzung der Atomenergie" trifft uns alle, die wir nicht mit unserer ganzen Energie dafür gekäpft haben, sie rechtzeitig abzuschaffen.
Und auch uns betrifft Claudius Frage:

Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blass,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?

Es wären freilich keine Erschlagenen, sondern die vielen Strahlenopfer des Unglücks von Tschernobyl und möglicher späterer Katastrophen, für die wir die Verantwortung tragen, insbesondere die, - mehr oder minder sehenden Auges - einen schrecklichen Tod an Strahlenkrankheit wählen, um der Menschheit die ungeheuerliche Schuld zu ersparen. An sich müssten sie uns schon heute vor Augen stehen.
Ich wünsche sehr, das das anscheinend Unabwendbare doch noch abgewendet wird, dass das Opfer uns noch einmal rettet und uns noch die Chance zur späten Einsicht gewährt wird.

Hier das vollständige "Kriegslied" von Matthias Claudius:

's ist Krieg! 's ist Krieg! O Gottes Engel wehre,
Und rede du darein!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!


Was sollt ich machen, wenn im Schlaf mit Grämen
Und blutig, bleich und blass,
Die Geister der Erschlagnen zu mir kämen,
Und vor mir weinten, was?


Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten,
Verstümmelt und halb tot
Im Staub sich vor mir wälzten, und mir fluchten
In ihrer Todesnot?


Wenn tausend tausend Väter, Mütter, Bräute,
So glücklich vor dem Krieg,
Nun alle elend, alle arme Leute,
Wehklagten über mich?


Wenn Hunger, böse Seuch' und ihre Nöten
Freund, Freund und Feind ins Grab
Versammelten, und mir zu Ehren krähten
Von einer Leich herab?


Was hülf mir Kron' und Land und Gold und Ehre?
Die könnten mich nicht freun!
's ist leider Krieg - und ich begehre
Nicht schuld daran zu sein!

Es wäre mir lieb, wenn ich mir einreden könnte, alle Opfer einer Atomkatastrophe in Japan wären allein Opfer einer Naturkatastrophe. Aber nein, die Nutzung der Kernkraft zur Energiegewinnung ist von Menschen entwickelt worden und ist von Menschen zu verantworten.

Für die, denen meine Aussagen zu gefühlsbetont erscheinen:
Tōhoku-Erdbeben 2011
Folgen des Erdbebens für Kernkraftwerke
Unfallserie nach dem Erdbeben vom 11. März 2011
Zustand der Reaktorblöcke
Daten der Reaktorblöcke, insbesondere der zwei, deren Leistungsbetrieb ab 2014 bzw. 2015 geplant ist
Fragen zu Fukushima (aus dem Abstand eines in Deutschland Lebenden)
Zum Atom-Moratorium von März 2011
Folgen des Moratoriums: Abschaltung von Biblis A
Planungen für Maßnahmen in Fukushima, falls die jetzigen Notmaßnahmen Erfolg haben sollten

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